01. Digitalisierung: Hilfreich oder nur ein vorübergehender Hype?

In seiner vielbeachteten Studie „Visible Learning“ hat der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie eine große Zahl internationaler Meta-Studien zum Schulunterricht zusammengeführt. Die Messung des Einflusses verschiedener Faktoren auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern hat dabei teils erwartbare, teils aber auch überraschende Erkenntnisse gebracht.

Natürlich kann eine solche Studie nie allumfassende Ergebnisse bringen. Hattie selber ist sich z.B. bewusst darüber, dass die Beschränkung auf kognitive Faktoren andere Einflüsse unberücksichtigt lässt. Interpretiert man seine Resultate entsprechend, lassen sich aber durchaus viele Hinweise für ein erfolgreiches Unterrichten gewinnen.

Als wichtigsten Einflussfaktor sieht die Studie die „Collective teacher efficacy“. Es ist also offenbar von entscheidender Bedeutung, dass Lehrkräfte an einer Schule „die gemeinsame Überzeugung vermitteln, den Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler positiv zu beeinflussen“. Dieser Faktor steht mit klarem Abstand an der Spitze der Rangfolge (Bewertung 1.55, der nächstfolgende Faktor „self-reported grades“ = Feststellung des eigenen Lernerfolgs durch die Lernenden folgt mit einer Bewertung von 1.33, siehe Link).

Die Formulierung von Hattie verwendet hier zwei entscheidende Begriffe, nämlich „gemeinsam“ und „vermitteln“. Es kommt also erstens darauf an, dass an einer Schule „gemeinsam“ gearbeitet wird. Zweitens ist es wichtig, dass diese gemeinsame Richtung auch „vermittelt“ wird. Dazu reicht es natürlich nicht, wenn die betreffenden Lehrkräfte selber davon überzeugt sind, sie müssen es auch überzeugend gegenüber Schülerinnen und Schülern belegen können.

Für den klassischen „analogen“ Unterricht dürfte das allen Lehrkräften völlig bewusst sein, wenngleich es an manchen Schulen durchaus Verbesserungspotential im Hinblick auf Kollaboration / Teamarbeit in Kollegium und Fachschaft geben mag.

Im Hinblick auf die Digitalisierung wirft diese Erkenntnis aber durchaus zentrale Fragen auf:

  • Können Lehrkräfte angesichts ihrer sehr unterschiedlichen digitalen Kenntnisse ihre Fähigkeit zur positiven Beeinflussung des Lernerfolgs immer überzeugend vermitteln?
  • Und wie kann die Gemeinsamkeit vermittelt werden, wenn doch die digitalen Kenntnisse und Fähigkeiten so heterogen sind?
  • Über allem steht die Grundsatzfrage, wie man den Lernerfolg mit digitaler Unterstützung überhaupt positiv beeinflussen kann

An letzterem sind in der Vergangenheit Zweifel aufgekommen. 2024 verkündete das digital fortschrittliche Dänemark, dass man die Digitalisierung im Klassenzimmer zurückfahren möchte, weil der Lernerfolg in wichtigen Aspekten abgenommen habe. Tatsächlich haben auch mehrere internationale Studien gezeigt, dass Kompetenzen wie z.B. Lesen und Mathematik bei digitalem Lernen offenbar nicht gefördert oder sogar beeinträchtigt wurden. Ist die Digitalisierung des Lernens und Lehrens also ein Irrweg?

Nicht nur IT-Skeptiker zweifeln daran, dass „digital“ automatisch zu einem „besser“ führt. Der Einsatz von Computern und Tablets im Unterricht mag zeitgemäßer erscheinen, wird aber nicht automatisch zu höheren Lernerfolgen führen. Analoges Unterrichten basiert schließlich auch auf wichtigen Grundlagen: So hat Harald Lesch z.B. in seiner Sendung „Schule der Zukunft“ erläutert, dass „begreifen“ auch das Wort „greifen“ einschließt, erfolgreiches Lernen auch Sehen, Hören, Fühlen und den Einsatz der Hände („greifen“) einschließt. Man habe festgestellt, dass handgeschriebene Notizen, die auf der aktiven Einbeziehung von Augen, Ohren und Händen basieren, zu einem nachhaltigeren Verständnis von Lerninhalten führen als das Mitschreiben des Unterrichts z.B. auf einem Tablet. Lernen gelingt offenbar – das ist nicht wirklich neu für Lehrkräfte – besser, wenn mehrere kognitive Fähigkeiten der Menschen zusammen genutzt werden können.

Rein digital ausgerichtetes Lehren leistet das heute kaum. Ist die Kehrtwende Dänemarks nun eine grundsätzliche Abkehr von der „digitalen Schule“? Sollte Deutschland den eingeschlagenen Weg verlassen und zum traditionellen analogen Unterricht zurückkehren?

Wie so oft, hilft uns eine „schwarz-weiß“ Betrachtung hier nicht weiter, denn sie bleibt oberflächlich. Wenn wir uns anschauen, wie die Digitalisierung aufgesetzt wurde, wird schnell deutlich, dass die Umsetzung gerade in unserem Land zu oft einer naiven Technikgläubigkeit folgte: man beschafft Tablets und schult die Lehrkräfte in deren Verwendung, alles Weitere folgt dann automatisch. Ein recht deutliches Beispiel dafür liefert uns der deutsche „Digitalpakt“. Nicht nur die technische Betreuung der neuen Infrastruktur in den Schulen wurde dabei vernachlässigt, es fehlte auch oft an umfassenden inhaltlich-didaktischen Basis-Konzepten. Die digitalen Fortbildungen für Lehrkräfte wurden erheblich ausgeweitet, es gibt heute ein umfassendes Spektrum von Schulungen zu einer unüberschaubaren Zahl von Anwendungen. Wer möchte, könnte jeden Tag ein neues Tool oder einen neuen Ansatz kennenlernen. Aber hilft das auch praktisch, Lernen und Lehren zu verbessern? Und wie kann eine Schule angesichts der unüberschaubaren Vielfalt von Anwendungen noch ein gemeinsames Vorgehen sicherstellen?

Zahlreiche Schulen, Lehrerinnen und Lehrkräfte stehen heute einigermaßen hilflos vor einem unüberschaubaren Bild und vielen Fragen. Wo viele Bäume den Blick auf den Wald versperren, kommt obendrein jeden Tag eine Anzahl weiterer Bäume hinzu. Der Ausweg aus dieser Situation bedingt, dass wir uns erst einmal die Stärken digitaler Anwendungen grundsätzlich verdeutlichen, und dann überlegen, wie man sie mit den Erkenntnissen aus der analogen Lernwelt kombiniert. Das sollte schließlich in einem Rahmenkonzept münden, das auch den Voraussetzungen von Schulen und Lehrkräften Rechnung trägt.

Beginnen wir heute mit einem Blick auf einige Möglichkeiten, die digital unterstütztes Lernen bieten kann:

  • Digitale Medien können komplexe Inhalte oft anschaulicher darstellen, als es eine Lehrkraft im Unterricht oder ein Tafelbild leisten kann. Das gilt besonders, wenn die Themen nicht ohne weiteres vor Ort oder in der betreffenden Zeit vermittelt werden können (z.B. Geschichte, Erdkunde) oder nicht sichtbar sind (z.B. Einblicke in Körper bei Biologie, oder Einblicke in Details bei Chemie, Physik). Gute Videos können hier Techniken nutzen, die das Verständnis von Inhalten für Schülerinnen und Schüler erheblich erleichtern
  • Wenn Lerninhalte digital bereitgestellt werden, können sie auch jederzeit wiederholt und nachgeschlagen werden. Das leisten Schulbücher zwar auch, aber alle weiteren Unterrichtselemente (Vortrag / Diskussionen, Tafelbilder, verwendete Medien) stehen beim analogen Lernen nur zur Verfügung, sofern sie von den Lernenden korrekt und vollständig notiert wurden. Wenn Schülerinnen und Schüler hier Schwächen hatten, werden sie wahrscheinlich auch bei Leistungsüberprüfungen (Tests, Klassenarbeiten) weniger gut abschneiden
  • Interaktive Übungen vermitteln den Lernenden umgehend Feedback und stellen die Ergebnisse dar, oft nicht nur für einzelne Personen, sondern auch konsolidiert für die gesamte Lerngruppe. In der analogen Schule gelingt das nur punktuell, z.B. wenn einzelne Schüler ihre Hausaufgabe vorstellen und die Lehrkraft diese kommentiert. Lehrerinnen und Lehrer können zudem einen laufenden Überblick über den Leistungsstand der gesamten Klasse gewinnen, und so die in der Gruppe bestehenden Defizite klarer erkennen und gezielt angehen
  • Eine ständige Herausforderung für nahezu alle Lehrkräfte ist die Differenzierung nach individuellen Leistungsständen. Mit geeigneten digitalen Mitteln können Übungen in einer Weise gestaltet werden, dass Defizite durch die interaktiven Übungen festgestellt und dann zielgerichtet zusätzliche Erklärungen und weitere Übungen angeboten werden. Auch für diejenigen, die an bestimmten Themen besonders interessiert sind, können ergänzende Inhalte angeboten werden

Diese Liste von Vorteilen erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie zeigt aber bereits, dass digitale Anwendungen gegenüber der analogen Welt erhebliche Vorteile bieten und so helfen, den Lernerfolg zu verbessern. Es wäre also falsch, ein rein analoges Lernen anzustreben. Die Schule der Zukunft sollte kognitives Lernen durch Nutzung digitaler Möglichkeiten unterstützen und ergänzen.

Das umzusetzen ist sicherlich nicht profan, aber auch keine Raketenwissenschaft. Im nächsten Blog möchte ich zeigen, welche Überlegungen ein Konzept berücksichtigen muss. In den weiteren Folgen zeige ich dann, wie wir dieses Konzept umgesetzt und anschließend schrittweise ausgebaut haben.

Mit der Eingabe der Email-Adresse diesen Blog abonnieren:

Abonnement des Blogs beenden:

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

Hinterlasse einen Kommentar