Ohne kompetente Bildungspolitiker*innen scheitert die Modernisierung der Schule

Nach mehr als einem Jahr Pandemie wird die multimedial geführte „Debatte“ über die Gestaltung von Lernen und Lehren in einem pandemiebestimmten Umfeld zunehmend heftiger. Wer das aber als Ausdruck einer reinen Erschöpfung auf Seiten aller Beteiligten abtut, übersieht, dass die starke Kritik oft Ausdruck einer hochgradigen Unzufriedenheit mit einem erratischen Management der Bildungspolitik ist. Viele politische Äußerungen und Vorschläge werden zunehmend als Beleg für mangelnde Kompetenz denn als Beitrag zur Suche nach Lösungen aufgefasst. Und das nicht nur im Umfeld der Pandemie: Deutschland belegt in zahlreichen Untersuchungen zu wichtigen bildungspolitischen Herausforderungen ohnehin schon überwiegend hintere Plätze. Es wachsen Zweifel, ob die Bildungspolitik in Deutschland die Kompetenz hat, um uns aus den Abstiegsrängen herauszubringen.

Die Geschichte des letzten Jahres nährt solche Zweifel, schlimmer noch: man findet kaum überzeugende Argumente dagegen. War in der ersten Welle akzeptiert, dass nicht alles perfekt laufen konnte, wunderte sich so mancher darüber, dass auch danach offenbar wenig gelernt und jegliche Hinweise von außerhalb der KM und KMK recht hartnäckig ignoriert wurden, jedenfalls sofern sie nicht ins Bild passten.

So setzten Bildungspolitiker*innen im Herbst 2020 auf das Öffnen von Fenstern als entscheidenden Beitrag zur Infektionsbekämpfung. Nun hätte ja eine Beschäftigung mit Windows vielleicht noch zum Fernunterricht gepasst, tatsächlich glaubte man aber ernsthaft daran, mit dem Öffnen von Fenstern die Ansteckungsgefahr nahezu auszuschließen und weitere Maßnahmen wie Beschaffung von Luftfiltergeräten und Schulschließungen vermeiden zu können.

Unglücklicherweise kam dann überraschend der Winter, und es wurde kalt in Deutschlands Klassenzimmern. Allerdings nicht überall, denn so manches Fenster ließ sich gar nicht erst öffnen. Als bald schon klar wurde, dass das Virus sich durch diese Idee nicht beeindrucken ließ, verlagerte man sich auf die Diskussion von Grenzwerten, die über Schließung, Öffnung und Wechselunterricht entscheiden sollten. Die vermeintliche Flexibilität brachte aber in einem Umfeld weiterhin stark steigender Inzidenzen gar nichts, immer mehr Schulen mussten schließen. Anstatt diese Grundlagen zu verstehen und in einem geeigneten Konzept zu berücksichtigen, wurden nun die Grenzwerte erhöht und die Quarantäneregeln für Klassen mit positiv getesteten Schülern gelockert. Die notwendige Argumentationshilfe fand man u.a. in der Heidelberg-Studie, die im Zeitraum 22.04.-15.05.21 etwa 2.500 Kinder im Alter von 1-10 Jahren auf Covid-Infektionen und Symptome untersucht hatte. Das Uni-Klinikum Heidelberg fand dabei „keinen Hinweis auf Kinder als Treiber des Infektionsgeschehens“. Das war auch für Nicht-Mediziner wenig überraschend, denn im Erhebungszeitraum waren die Schulen geschlossen und die Kinder zu Hause. Die Bildungspolitik machte daraus: „Kinder und Schulen sind keine Treiber des Infektionsgeschehens“, womit man sich der Taktik Bismarcks bei der Emser Depesche bediente. Tatsächlich behaupteten die Verfasser doch lediglich, dass sich Kinder in der Schule nicht anstecken, wenn sie gar nicht hingehen, was nun keine wegweisende Erkenntnis ist.

Mit weiter steigenden Infektionszahlen ließen sich dann Schulschließungen auch trotz der umgedeuteten Studie nicht mehr vermeiden. In der Folge gab es völlig unberechenbare und vor allem kurzfristige Wechsel von Unterrichtsformen. Schulen, die nach einer Grenzwertüberschreitung von 50 schlossen, um dann bei Werten über 100 wieder zu öffnen, und bald darauf aufgrund eines völlig aus dem Ruder laufenden landes- und bundesweiten Infektionsgeschehens wieder zu schließen. Das zu Beginn ausgegebene Ziel von Nachverfolgung und Eingrenzung der Infektionen wurde faktisch immer mehr aufgegeben. Schickte man zunächst noch ganze Klassen in Quarantäne, wenn es einen Infektionsfall gab, waren es dann nur noch die unmittelbaren Sitznachbarn, und zuletzt nicht einmal immer die.

Vor ein paar Wochen wurde nun die nächste Lösung verkündet: „Testen“. Auch dabei verzichtete man leider oft aber auf ein klares und praxisnahes Konzept, es ist nicht einmal überall klar, was eigentlich passiert, wenn Kinder positiv getestet werden. Die größte Sorge mancher KM ist dabei offenbar, dass sich positiv getestete Kinder stigmatisiert fühlen könnten. Aber diese Frage stellt sich für eine immer noch große Zahl von Schulen erst gar nicht, weil sie keine oder zumindest viel zu wenig Tests erhalten haben. Mittlerweile fühlen sich Politikerinnen sogar bemüßigt, Vorschläge wie „Unterricht im Freien“ zu verbreiten, und damit zu dokumentieren, dass sie nicht ansatzweise wissen, wie Unterricht funktioniert, nicht einmal die logistischen Voraussetzungen verstehen, die die Umsetzung ihrer Vorschläge erfordern. Schon der Vorschlag zu einem gestaffelten Unterrichtsbeginn, den wir um den Jahreswechsel herum mit Staunen zur Kenntnis nehmen mussten, hatte ja gezeigt, dass logistische Überlegungen offenbar nicht zu den Stärken deutscher Politik zählen. Wo hätten tausende zusätzlicher Schulbusse herkommen sollen, die man dafür braucht?


Dabei waren einige identifizierte Probleme ja durchaus richtig und wichtig. Ein Teil der Schüler*innen wurde und wird im Distanzunterricht gar nicht erreicht, andere fielen deutlich hinter den Lernstand der übrigen Klasse zurück. Und der Distanzunterricht funktioniert auch nicht überall gut. Diese Probleme wurden und werden von vielen Schulen bestätigt.

Befremdlich aber ist, dass die Maßnahmen der Bildungspolitik gar nicht bei diesen unstrittigen Erkenntnissen ansetzten. Statt sich zu überlegen, wie man die betroffenen Kinder gezielt erreicht und fördert, wurde lediglich versucht, Schulschließungen zu umgehen. Man tat so, als ob jeglicher Präsenzunterricht alle diese Probleme wie von Zauberhand beseitigen würde. Dabei wurde geflissentlich ignoriert, dass Unterrichtsformen wie Wechselunterricht die Kapazitäten der Lehrkräfte so stark beanspruchen, dass sie sich kaum noch gezielt um förderbedürftige Kinder kümmern konnten. So wurde vielerorts die erforderliche besondere Unterstützung noch erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Statt also zu lösen, verschärfte man oft noch die festgestellten Probleme.

Lehrkräfte und Schulen in meinem Umfeld haben übrigens eine stets gleichlautende Erfahrung mit Wechselunterricht gemacht: es ist die mit Abstand schlechteste Form, um Bildung zu vermitteln. Im besten Fall führt die Vervielfachung der Lerngruppen und parallelen Lernmethoden „nur“ zu einer Überlastung der Lehrkräfte und daraus resultierend auch vielerorts sinkenden Standards. Wenn das dann noch kombiniert wird mit dauerndem kurzfristigem Wechsel zu einer anderen Unterrichtsform, geht viel Unterrichtszeit damit verloren, die Lerngruppen nun wieder zu synchronisieren. Ich kenne noch keine Studie, die diesen Effekt untersucht hat, aber nach meiner Beobachtung bilden Rückgänge des Lernerfolgs von 30% eher die untere Grenze für Wechselunterricht.

Auch beim Fernunterricht haben die Bildungspolitiker gezeigt, dass sie die Herausforderungen nicht verstanden haben. Zwar wurden in vielen Bundesländern unzählige Schulungen für Lehrkräfte angeboten, manche Schulen erhielten auch zusätzliche Hard- und Software, aber da keine übergreifenden Ziele und Vorgaben gesetzt wurden, weiß eigentlich kaum jemand, wohin die Reise gehen soll. Es wurden Schulungen angeboten, bei denen die Lehrkräfte erst im Verlauf der Schulung feststellen konnten, dass die vorgestellten Tools für ihr Fach gar nichts bringen. Andere stellten fest, dass sie zwar eine interessante Anwendung kennengelernt hatten, die Landesregierung aber kurz darauf informierte, dass diese Anwendung aus Datenschutzgründen nicht genutzt werden dürfe. Und selbst solche Aussagen waren nicht immer dauerhaft gültig: wenn in Bayern z.B. eine Schule entschieden hat, Microsoft Teams einzusetzen, musste sie lernen, dass die entsprechende Genehmigung des Kultusministeriums nur bis zum Ende dieses Schuljahres gilt. Welchen Sinn macht es, Unterricht auf die Nutzung von Anwendungen abzustellen, Lehrkräfte, Klassen und Eltern damit vertraut zu machen, um dann in ein paar Monaten wieder von Neuem zu beginnen? Ich kenne Schulen, die in den letzten 6 Monaten bis zu drei verschiedene Videokonferenz-Systeme eingesetzt haben und ab dem nächsten Jahr mit einer vierten arbeiten sollen.

Auch bei Hardware-Entscheidungen zeigt sich das Dilemma: Wenn man sich für ein Notebook oder ein Tablet entscheidet, muss man wissen, was denn damit gemacht werden soll. Vorhandene bzw. geplante Hard- und Software wie auch die Form von Unterricht und Lernen müssen klar sein, weil man nur dann Kriterien entwickeln kann, anhand derer man sich für eine bestimmte Hardware entscheidet. Leider habe ich Beispiele kennengelernt, wo die beschaffte Software auf den neuen Geräten nicht oder zumindest nicht zufriedenstellend funktionierte. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz von Whiteboard-Software: wenn ich so etwas verwenden möchte, wäre es z.B. hilfreich, wenn das eingesetzte Lehrer-Gerät über einen per E-Stift beschreibbaren Touchscreen sowie eine Schnittstelle zum Beamer verfügt.

Fehlende Konzepte und wechselnde Vorgaben haben Schulen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Eltern mittlerweile ermüdet. Ich erlebe gerade immer mehr, dass die Bereitschaft, Neues zu lernen, auszuprobieren und Dinge zu verbessern, dramatisch abnimmt. Manche Lehrkräfte warten nur noch darauf, dass die Pandemie überwunden ist und alles wieder wie vorher wird. Das „Vorher“ war aber ein Stand, der unserem Bildungssystem in zahlreichen Kriterien einen der hintersten Plätze unter den Industrienationen attestierte (u.a. OECD). Und nun drohen sogar Verbesserungen, die in der ersten Zeit der Pandemie erreicht wurden, teilweise wieder verloren zu gehen. Wo vor ein paar Monaten noch interaktive Aufgaben und neue Lernmethoden genutzt wurden, fallen nicht wenige jetzt zurück auf das Hin- und Herschicken von pdf-Arbeitsblättern.


Wenn wir mögliche Lernrückstände aus der Zeit der Schulschließungen nachholen, gleichzeitig Kinder aus sozial benachteiligten Familien fördern und auch unseren chronischen Rückstand bei der Modernisierung unseres Bildungssystems wettmachen wollen, brauchen wir vor allem motivierte und engagierte Lehrkräfte, Schulen, Kinder und Eltern. Mit ein wenig Kosmetik und ein paar Euro mehr werden wir das nicht erreichen, und so manche Aussage aus der Politik wirkte auf die Betroffenen sogar kontraproduktiv.


Wir brauchen einen grundlegend neuen konzeptionellen Ansatz, der alle Beteiligten und auch externe Unterstützung einbezieht, ihren jeweiligen Ausbildungs- und Erfahrungsstand berücksichtigt, und vor allem: erheblich mehr Kompetenz und konzeptionelles Denken in der Bildungspolitik!


Ohne kompetente Bildungspolitiker*innen scheitert die Modernisierung der Schule (@diggitallschule)

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

Ein Kommentar zu “Ohne kompetente Bildungspolitiker*innen scheitert die Modernisierung der Schule

  1. Muss mich dem Tenor des Blogbeitrags leider anschließen. Am deutlichsten wird dies derzeit an der neuen Bildungsplattform der Bundesbildungsministerin: eine Meta-Plattform über alle bereits bestehenden Bildungsplattformen, die keiner braucht, zuzüglich Anwendungen, die keiner braucht (lebenslanges Verzeichnis für Schüler plus Hochladen der Zeugnisse ins Netz). Mit den über 600 Millionen Euro, die dafür ausgegeben werden sollen, könnte man wirklich sinnvollere Dinge umsetzen, die den Schulen vor Ort tatsächlich helfen.
    Ähnliche Beobachtungen macht man bei vielen Kultusministerien und Schulleitungen. Sie haben keine Ahnung, was die Kollegen tatsächlich brauchen, und lassen sich lieber auf ihren Treffen von irgendwelchen IT-Firmen und Leuchtturm-Projekten mit ach so tollen IT-Lösungen blenden, die im täglichen Unterricht keinerlei Hilfe sind.
    Wir brauchen natürlich eine vernünftige Netzanbindung, Rechner und Beamer, für den Fernunterricht auch ein Netzlaufwerk, in dem man sich austauschen kann. Vielleicht noch ein bezahltes Videotool. Alles andere ist Zugabe.
    Der Knackpunkt für einen pfiffigen, abwechslungsreichen, mehrwerthaltigen digitalen Unterricht sind möglichst einfache pädagogische Konzepte sowie Anregungen und Hilfen für den alltäglichen Fachunterricht und IT-Einsatz. Nur dann, wenn ich als Lehrer selbst erlebt habe, wie problemlos man mit offenen Lernszenarien, handlungs- und projektorientierten Unterrichtsformen in Präsenz, hybrid und aus der Ferne unterrichten kann, werde ich dies dann auch gerne in meinen eigenen Schulalltag integrieren. Nicht wenige Kollegen werden es dann sogar genießen, dass sie sich einmal zurücknehmen können, und ihre selbsttätig arbeitenden Schüler nur noch coachen müssen. Dazu noch möglichst viele fertige Unterrichtseinheiten von Kolleg/innen, Verlagen und Bildungsplattformen, um sich zu entlasten und Lebenszeit zu sparen.
    Dann wäre schon einmal viel gewonnen.
    Und dann könnte man von den noch verbliebenen IT-skeptischen Kollegen auch mit Fug und Recht verlangen, dass sie ihr Mindset ändern und ihren Unterricht konsequent hybrid ausrichten.
    Wir wollen die Bildungspolitiker und Schulleiter ja nicht gleich entmachten und drei Jahre lang in irgendwelche Dorf- oder Brennpunktschulen schicken – aber dass sie sich bei den Kollegen vor Ort informieren und IT-Lösungen anstreben, die den pädagogischen Machern vor Ort tatsächlich auch nützen, das kann man eigentlich schon verlangen.

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