Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins

Wie Digitalisierung der Schulen zur Realsatire wird

„Heureka“ bin ich versucht zu rufen. Nach Monaten, in denen ich befreundeten Lehrerinnen und Lehrern bei der Konzeptionierung und Umsetzung von digital unterstütztem Unterricht begleiten konnte, war ich zunächst optimistisch: wenn man es nur richtig erklärt, die Vorteile beschreibt und praktisch unterstützt, kann es klappen. Alle diese Lehrerinnen und Lehrer waren schließlich nicht gerade IT-affin, aber aufgrund des Corona-bedingten Fernunterrichts mussten sie sich nun wohl oder übel mit Digitalisierung auseinandersetzen. Und – oh Wunder – nach wenigen Wochen waren alle begeistert, was sich mit elektronischer Unterstützung so alles machen lässt, wie sehr es guten Unterricht erleichtert und mehr Raum für die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern schafft.

In einiger Naivität habe ich dann angeboten, nicht nur einzelnen Lehrkräften, sondern Schulen bei der Eroberung der digitalen Welt zu unterstützen. Wenn ich die IT-Skeptiker aus meinem Umfeld überzeugen kann, sollte das bei anderen auch möglich sein. Aber das Interesse war gleich Null, eher noch darunter. Ich war verblüfft. Sind die Lehrerinnen und Lehrer außerhalb meines Horizonts entgegen aller Studien, Zeitungsartikel und Elternkommentaren in Wahrheit alle IT-Experten?

In den letzten zwei Wochen habe ich dazu viele Erfahrungen gemacht, die mir nun zur Erkenntnis verholfen haben. Archimedes sei Dank: „Heureka!“

Es begann damit, dass ich bei einem Kultusministerium angeregt habe, ein größeres Engagement auf die Einbeziehung der IT-skeptischen Lehrkräfte zu legen. Von diesen gab es nach meiner Beobachtung eine recht große Zahl. Die Antwort verwunderte mich: man habe speziell für die weniger IT-affinen Lehrkräfte eine Website entwickelt. Aha! Wer mit der digitalen Welt nichts anfangen kann, wird wohl vor allem im Internet nach Möglichkeiten zur Verbesserung des Unterrichts suchen.

Noch am gleichen Tag erhielt ich einen Newsletter. Ein großes Bundesland war sichtlich stolz darüber, für die Schulen einen Messenger entwickelt zu haben. Schließlich sind ja WhatsApp, Skype & Co. aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht nutzbar, weil die Server in den USA stehen. So sei dieses Bundesland nun ein Vorreiter im digitalen Bereich. Mit einem Messenger? Ein großer Erfolg, denn mit einem Messenger, wie ihn andere Schulen selbst in Deutschland – von Finnland und Skandinavien will ich nicht sprechen – seit Monaten, manche seit Jahren nutzen, zum Vorreiter zu werden, ist nicht alltäglich.

Nur einen Tag später staunte ich über eine Schule in einem etwas weiter entfernten Bundesland. Ich lernte, dass man es geschafft habe, aus der Bund-Länder-Initiative finanzierte Tablets für Lehrkräfte zu erhalten. Die befreundeten Lehrer zeigten sich nach meinem Glückwunsch zu diesem Erfolg eher zurückhaltend. Mit dem Betriebssystem der Tablets habe man bislang eigentlich nie zu tun gehabt und eigentlich habe man ja längst eigene Geräte gekauft, mit denen man prima zurechtkomme, die wolle man nun auch nicht wegwerfen. Eigentlich brauche man diese Tablets gar nicht, außerdem seien die eigenen Geräte auch besser. Um sie zu motivieren, habe ich dann auf der Website der von ihrer Schule verwendeten Lernplattform nachgeschaut. In der Zusammenarbeit von Tablet und Lernplattform könnte ja der eigentliche Vorteil liegen. Diese Plattform unterstützt mehrere Betriebssysteme. Blöderweise war das Betriebssystem der Tablets nicht dabei. Nun ja, vielleicht kann man wenigstens Zeitung lesen auf den Tablets. Andererseits haben die Lehrkräfte dafür ja längst eigene Geräte.

An einer anderen Schule hatte die Schulleitung vorgegeben, die Lernplattform Moodle mit Inhalten zu füllen. Schließlich wolle man ja digital vorne dabei sein. Es wurde extra eine Weiterbildung angesetzt, in der alle Fachschaften Inhalte für das Schuljahr hinaufladen sollten. Die Weiterbildung war auf 2,5 Stunden angelegt, da müsste ja genügend Zeit sein, um das Schuljahr gut vorzubereiten. Die wurden dann genutzt, um YouTube-Filme und spezielle Lern-Anwendungen in die Plattform hinein zu verknüpfen. Der Ansatz, erst einmal zu beratschlagen, was man eigentlich digital machen wolle, wurde verworfen.

Tage später wurde dort eine Klasse in Quarantäne geschickt. Vertreter der Schulleitung machten den Lehrkräften deutlich, dass es völlig ausreiche, für den Fernunterricht per Messenger Arbeitsblätter hin- und herzuschicken, schließlich dauere die Abwesenheit ja nur etwas mehr als eine Woche. Außerdem sei die vorhandene Lernplattform ja nur für Fernunterricht vorgesehen. Aha! Ich staunte: Martin Dougiamas und andere hatten schon 2001 begonnen, eine Lernplattform zu entwickeln, nur damit 2020 eine Pandemie-bedingte Schulschließung überbrückt werden kann. Wer so klar und langfristig in die Zukunft blicken kann, könnte bald sogar Nostradamus verdrängen. Ich hatte die Genialität des Teams völlig unterschätzt, weil ich dachte, Lernplattformen seien für digital unterstützten, ansonsten aber normalen Schulunterricht gedacht. Auch hätte ich niemals erwartet, dass der Freistaat Bayern in Erwartung des Virus schon im Jahr 2014 auf der Grundlage von Moodle die Lernplattform „Mebis“ aufgebaut hat. Da soll mal jemand sagen, erst Markus Söder habe sich mit Corona auseinandergesetzt, nein, schon unter Horst Seehofer wurde Bayern auf Fernunterricht vorbereitet. Beeindruckend!

Von dieser Schule habe ich auch gelernt, dass Digitalisierung ja eigentlich der Faulheit der Lehrkräfte diene. Aus der Schulleitung kam der Hinweis, schließlich würden Lehrkräfte dafür bezahlt, Unterricht zu machen, aber nicht dafür, elektronische Medien zu nutzen. Auch da zeigte sich meine Bildungsferne, ich dachte ja, es ginge darum, Lerninhalte bestmöglich zu vermitteln und möglichst alle Schüler*innen nach Bedarf individuell zu unterstützen.

Von einer ganzen Reihe von Schulen habe ich gelernt, dass sie den digitalen Olymp bestiegen haben. Nach intensiver Vorarbeit sei es gelungen, pdf-Arbeitsblätter an Schülerinnen und Schüler zu verschicken, in einigen Fällen hätten diese die Arbeitsblätter sogar ausgefüllt, eingescannt und – man mag es kaum glauben – über Email oder einen Messenger zurückgeschickt. Ich erschauderte in Ehrfurcht.

Noch Tage zuvor hatte ich beklagt, dass offenbar an vielen Stellen des Bildungswesens gar nicht verstanden war, was Digitalisierung bedeutet, welche Chancen sich dadurch bieten. Ich beklagte, dass es nicht ausreicht, wenn ein Lehrer/eine Lehrerin je nach verfügbarer Zeit nach der IT-Landschaft schaut, oder dass man weniger IT-affine Lehrkräften nur an Bord holen kann, wenn man sie im Rahmen eines Coachings mit der neuen Welt vertraut macht. Ich suchte tatsächlich nach einer Art „Konzept“. Aber ich war geprägt von anderen Industrien, die irgendwann einmal entschieden hatten, ihre IT-Landschaft durch sogenannte Experten betreuen zu lassen, und den übrigen Teil der Belegschaft mit denjenigen Aufgaben zu betrauen, die in deren Stellenbeschreibung standen. Man sieht, vom deutschen Bildungssystem hatte ich keine Ahnung.

Fast fühlte ich mich wie Major Tom aus David Bowies „Space Oddity“, der einsam und – jetzt zitiere ich Peter Schilling zum gleichen Raumfahrer – „völlig losgelöst“ in der Einsamkeit des Weltalls in einer Raumkapsel vor sich hin schwebt, weit weg von allen Gleichgesinnten. Erst Google und Twitter zeigten mir, dass es außerhalb meines Horizonts eine ganze Reihe von engagierten und fähigen Lehrkräften gibt, die – ich staunte – sogar von ihren Schulleitungen bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten unterstützt wurden. Trotzdem kam es mir so vor, als wären sie alle in anderen Galaxien unterwegs, denn in meinem Umfeld – ich habe nicht nur Freunde mit Lehrerberuf, sondern bin auch Vater – habe ich noch niemanden erlebt, die oder der ähnlich agiert. Immerhin, es machte mir Mut.

Beflügelt durch diese Erkenntnis wurden meine Gedanken stimuliert. Plötzlich wurde es mir klar: Digitalisierung bedeutet in der Fläche Deutschlands vor allem Alibi-Aktivitäten. Es geht darum, so zu tun „als ob“, weil an den übergeordneten Stellen ohnehin niemand nachvollzieht, ob die betreffende Aktivität Sinn macht. Als Krimi-Fan ist mir die entscheidende Bedeutung eines Alibis natürlich bewusst. Hat man keines, klicken die Handschellen, kann man dagegen eines vorweisen, das dem Kommissar / der Kommissarin glaubwürdig erscheint, ist man aus dem Schneider.

Heureka!

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

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