Das breite Spektrum digitaler Lehrmethoden ermöglicht besonders abwechslungsreichen Unterricht

Erinnern wir uns an die Zeit der flächendeckenden Schulschließungen: die Methoden, mit denen die engagierten Lehrkräfte versucht haben, in der Distanz zu schaffen, waren höchst unterschiedlich. Es wurden in der einfachsten Variante Arbeitsblätter über Email verteilt (in der analogen Version: ausgedruckt und per Post verschickt), Videounterricht gegeben, Lehrfilme gezeigt und manchmal sogar selber aufgenommen, spezifische Web-Lernangebote verwendet und wo möglich wurden webbasierte Lehrplattformen wie moodle oder das bayrische Mebis verwendet. Aber selbst dort, wo Lehrplattformen für eine gewisse Standardisierung gesorgt haben, war das angebotene Methoden-Spektrum durchaus sehr unterschiedlich.


Es blieb angesichts der fehlenden Vorlaufzeit damals natürlich unmöglich, das im Rahmen ganzheitlicher Konzepte durchzuführen, der Schwerpunkt musste erst einmal darauf ausgerichtet werden, überhaupt etwas anzubieten. Darin lag aber auch eine große Chance: so wurden unzählige Dinge ausprobiert, und eine große Zahl von Lehrkräften hat nun in kurzer Zeit Erfahrungen mit digitalen Möglichkeiten sammeln können. Sowohl die Inhalte und deren Gestaltung, technische Bedienung, aber vor allem auch Akzeptanz und Lernerfolg bei den Schülerinnen, Zusammenarbeit mit Eltern und nicht zuletzt auch infrastrukturelle Probleme wie langsames Internet und fehlende oder weniger geeignete Geräte wurden in wenigen Monaten umfassend deutlich. Das war nun eine einzigartige Chance, die gesammelten Erfahrungen zusammenzuführen, auszutauschen und so die Basis für ein ganzheitliches Konzept zu legen. Leider wurde das weitgehend versäumt, der Schwerpunkt der Bildungspolitik lag auf Hygienekonzepten und der raschen Rückkehr zum Präsenzunterricht. Spätestens jetzt aber, wo zumindest partielle Schulschließungen und Quarantäne für Lehrkräfte und Schülerinnen weiterhin erfolgen, ist es an der Zeit, Konzepte zu erarbeiten, die Präsenzunterricht und digitale Möglichkeiten zusammenführen und die Grundlage für eine nachhaltige Modernisierung des Unterrichts legen.


Im Mittelpunkt der Überlegungen muss nun vor allem stehen, wie Präsenzunterricht und die Nutzung digitaler Möglichkeiten integriert werden können. Schauen wir uns dazu letztere einmal genauer an, denn im Kern geht es dabei vor allem um folgende Elemente:

  • Lehrplattformen wie moodle und Mebis
  • Spezielle Web-Lehrangebote wie z.B. der Orthografietrainer
  • Digitale Schulbücher
  • Whiteboard-Software
  • Lehrfilme
  • Präsentationen

Diese Möglichkeiten dürfen nicht alternativ, sondern als sich gegenseitig ergänzende Optionen verstanden werden.

Lehrplattformen bieten u.a. durch die Integration von spezifischen Funktionen (H5P etc.) und anderer externer Quellen (z.B. Lehrfilme und Links zu anderen externen Angeboten), die logistische Verteilung von Lehrmaterial und teilweise auch integrierter Kommunikationsmöglichkeiten heute oft schon eine breite Palette von Gestaltungsoptionen des digitalen Unterrichts. Diese lassen sich selbstverständlich nicht nur im Fernunterricht nutzen, sondern auch im Rahmen des Präsenzunterrichts, für Hausaufgaben, Wiederholung / Prüfungsvorbereitung etc.. Auch Tests und Prüfungen sind darin möglich, was u.a. die Lernerfolgskontrolle für Schülerinnen und Lehrkräfte in vielfältigen Varianten ermöglicht. Die als Kurse angelegten Inhalte können laufend – z.B. auf der Grundlage von Erkenntnissen bei der Nutzung – angepasst und verbessert, vor allem aber auch mit anderen Lehrkräften geteilt werden. Wer solche Tools nur als Mittel für den Fernunterricht nutzt, schöpft deren Potential nur zu einem kleinen Bruchteil aus. Ich bin überzeugt, dass Lehrplattformen künftig das zentrale Element der Unterrichtsgestaltung werden.

Spezielle Web-Lehrangebote gibt es in unüberschaubarer Zahl. Nicht alle sind für den Einsatz in der Schule gedacht, einige zielen auch auf Nachhilfe und Schließung spezifischer Wissenslücken. Einige sind kostenlos, andere kostenpflichtig. Manche sind sehr gut geeignet, andere weniger. Um halbwegs einen Überblick zu erhalten, ist Teamarbeit vonnöten: die Fachschaften sollten ihre Erfahrungen strukturiert (z.B. im Rahmen von Foren) austauschen, und sich gegenseitig mit Tipps und Hinweisen unterstützen.

Digitale Schulbücher gibt es für die meisten Lehrwerke der großen Schulbuchverlage. Darin integriert sind häufig auch spezielle Funktionen für Lehrkräfte, mit denen der Unterricht vorbereitet und gestaltet werden kann. Problematisch ist allerdings, dass solche Anwendungen nur für neue Ausgaben zur Verfügung stehen. Häufig sind die in den Schulen tatsächlich verwendeten Ausgaben veraltet und die entsprechende digitale Ausgabe ist nicht oder nicht mehr verfügbar. Problematisch ist auch, dass die elektronischen Ausgaben für Lehrkräfte nicht automatisch und kostenlos zur Verfügung gestellt werden, so habe ich leider nicht selten beobachtet, dass die elektronischen Schulbücher im Unterricht praktisch gar nicht zur Verfügung stehen. Das Anwendungsspektrum vieler digitaler Bücher ist noch überschaubar, was aber auch daran liegt, das mangels flächendeckender Nutzung das Feedback der Nutzer an die Verlage auf einem vergleichsweise kleinen Teil der Lehrer*innen beruht und die Verlage angesichts der Entwicklungskosten recht vorsichtig agieren. Wenn digitale Medien selbstverständlicher genutzt werden, ist zu erwarten, dass die Nutzung digitaler Lehrwerke deutlich attraktiver wird.

Unter Whiteboards verstehen viele nur elektronische Tafeln, die in Anschaffung und Unterhalt recht teuer sind. Tatsächlich gibt es aber heute auch Software, die in Kombination eines Norebooks / Tablets und einem Beamer viele Funktionen der Whiteboard-Geräte bieten und zum großen Teil kostenlos angeboten werden. Sie erlauben z.B. die Nutzung von Bildern und pdf-Dateien, auf denen dann markiert und geschrieben werden kann. So können Tafelbilder vorgestaltet und dann im Unterricht vervollständigt werden, auch „Drag & Drop“-Anwendungen sind möglich (Ziehen von Text an eine bestimmte Stelle des Tafelbildes). Sie können „eingefroren“ und dann den Schülerinnen zur Verfügung gestellt werden.

Lehrfilme haben während der Schulschließungen eine besonders große Bedeutung gewonnen. Plattformen wie YouTube und die Mediatheken der Fernsehsender bieten eine große Vielfalt, die bei einigen Themen kaum noch überschaubar ist. Auch von Lehrkräften selbst erstellte Filme werden vereinzelt genutzt, sind aber aufgrund der benötigten Kenntnisse und technischen Voraussetzungen noch weit entfernt davon, Standard zu sein. Filme bieten ihre Inhalte oft erheblich anschaulicher, als es im Rahmen des normalen Präsenzunterrichts möglich wäre. Lehrfilme sind heute schon oft ein wichtiges Element des digital unterstützten Unterrichts. Um ihr Potential auszuschöpfen, ist ein Austausch innerhalb der Fachschaften empfehlenswert. Eigene Filme könnten arbeitsteilig erstellt und ausgetauscht werden.

Präsentationen, häufig mit PowerPoint erstellt, sind bereits recht verbreitet. Dennoch liegt auch in diesen Medien noch viel Verbesserungspotential. Eine große Zahl der Präsentationen, die ich erlebt habe, erschöpfen sich noch darin, Inhalte in Textform darzustellen. Sie lassen damit die eigentliche Chance unberücksichtigt: die Visualisierung. Viele Dinge lassen sich sehr anschaulich darstellen, wenn man Bilder, Grafiken etc. einbezieht und so das Verständnis für Zusammenhänge erleichtert.

Die beschriebenen Elemente sind gleichermaßen im Präsenz- wie Fernunterricht nutzbar, manche sind zusätzlich auch für Hausaufgaben und Wiederholung / Prüfungsvorbereitung sehr gut geeignet. Im Rahmen des Präsenzunterrichts benötigt man ein Notebook / Tablet und einen Beamer im Klassenzimmer. Im Fernunterricht lassen sie sich im Rahmen der meisten Videokonferenzsysteme ebenso einbinden.

Moderner Unterricht kombiniert spezifischen Vorteile dieser Elemente mit den „klassischen“ Methoden – und trennt nicht mehr zwischen digitaler und analoger Wissensvermittlung.

Zum Abschluss noch ein Hinweis für diejenigen, die als Folge der Digitalisierung einen rein schematischen Unterricht befürchten: Wenn die vielfältigen Möglichkeiten und Inhalte als „Baukasten“ verstanden werden, sind individuelle Gestaltung und das Setzen eigener Schwerpunkte nicht nur möglich, sie werden sogar erheblich erleichtert. So kann man Inhalte und Methoden immer wieder auf die spezifischen Bedürfnisse von Klassen ausrichten. Außerdem lassen sich sowohl weitergehende Angebote für besonders interessierte Schüler*innen („wenn du mehr wissen möchtest …“) realisieren als auch besondere Förderinhalte für diejenigen, die sich etwas schwerer tun.

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

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