Schulungsangebote können Digitalkonzepte nicht ersetzen

Einige Bundesländer, wie z.B. Bayern, bieten eine breit gefächerte Palette von qualitativ guten Kursen, sinnvollerweise zumeist als Online-Videokonferenz. Hinzu kommen Angebote von Schulbuchverlagen und anderen Lehrmittelanbietern, die allerdings teilweise kostenpflichtig sind.

Nun könnte man meinen, damit sei alles Notwendige geregelt und die Lehrkräfte, ausgestattet mit den hinzugewonnenen Kompetenzen, nun auf dem besten Weg, um überall einen tollen digital unterstützten Unterricht zu gestalten.

Leider bezweifele ich, dass dieses Vorgehen die erhofften Erfolge bringen wird. Selbstverständlich sind solche Schulungen eine sinnvolle Unterstützung für diejenigen Lehrer*innen, die bereits genau wissen, wie ihr Unterricht aussehen soll und welche Kenntnisse sie dafür noch benötigen. Aber was ist mit den Übrigen? Wer bislang noch wenig mit digitalen Medien zu tun hatte, kann mit dem Katalog möglicher Schulungsangebote wenig bis gar nichts anfangen. Dazu bräuchte man erst einmal einen Überblick über die grundsätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten und einen Rahmen, welche Tools denn im Unterricht der betreffenden Schule eingesetzt werden sollen bzw. unter Berücksichtigung übergeordneter Vorgaben verwendet werden dürfen. So kann es zum Beispiel hilfreich sein, wenn das betreffende Tool im Kollegium bereits verwendet wird und man so ggfs. auch einmal Fragen an damit bereits vertraute Kolleg*innen stellen kann.

Ein entscheidender Nachteil des Schulungsangebots bei fehlendem Rahmenkonzept liegt aber im hohen Zeitbedarf, den dieses Vorgehen impliziert: wenn ich immer erst eine Schulung machen muss, um herauszufinden, ob bestimmte Anwendungen für mein Fach und meine Jahrgangsstufen geeignet sind, werde ich möglicherweise viele Schulungen absolvieren, an deren Ende ich dann feststelle, dass diese Lösung für mich nicht sinnvoll ist. Der große Zeitaufwand bei begrenztem Nutzen gefährden die Bereitschaft, digitale Möglichkeiten im Unterricht zu nutzen. Nur, wenn der Aufwand im Vergleich zum Nutzen angemessen erscheint, wird man die Lehrkräfte überzeugen und vor allem motivieren.

Ein weiteres Problem besteht im erheblichen Erfahrungs-Gefälle unter den Lehrkräften bei der Nutzung elektronischer Möglichkeiten. Die angebotenen Kurse sind natürlich standardisiert und auch überwiegend als einmalige Veranstaltung ausgelegt. Für einige wird das völlig ausreichen, aber für einen großen Teil, insbesondere der älteren Lehrer*innen, ist das nicht genug.

Die bislang weniger erfahrenen Lehrkräfte brauchen in der ersten Phase eine intensive Begleitung

Weiterbildung muss die Menschen abholen, unterschiedliche Entwicklungs-geschwindigkeiten berücksichtigen, aber immer auf die von Beginn an klar definierten Ziele hinführen. Das kann aber nur ein differenziertes, übergreifendes Konzept leisten, jedenfalls wird es nicht durch einen noch so umfangreichen Schulungskatalog erreicht.

Vor allem die weniger mit digitalen Möglichkeiten vertrauten Lehrkräfte benötigen in einer ersten Phase eine intensivere Begleitung: regelmäßige, aufeinander aufbauende Grundlagenvermittlung in Kombination mit Workshops, in denen sie vor Ort (also z.B. in der Schule) praktische Unterstützung bei der Erarbeitung konkreter, digital unterstützter Unterrichtseinheiten erhalten sowie bei Bedarf auch jederzeit Hilfe bei Fragen und Problemen erhalten. Nach meiner Erfahrung mit der Umsetzung von Veränderungsprozessen lässt sich so eine erhebliche Motivationssteigerung erreichen: der konkrete Vorteil für die Lehrer*innen und deren Lehrerfolge wird deutlicher, wenn man nicht abstrakte, sondern konkrete und sofort in die Praxis umsetzbare Kenntnisse vermittelt. Ziel ist es, hier möglichst eine Basis für den Umgang mit den digitalen Möglichkeiten zu legen. Zugegebenermaßen können die Schulen diesen Schritt wohl überwiegend nur mithilfe externer Ressourcen umsetzen. Ein Verzicht darauf würde aber bedeuten, einen erheblichen Teil der Kollegien praktisch nicht einzubeziehen.

Die erfahreneren Lehrer*innen sollten währenddessen mit einem initialen Basis-Workshop beginnen, in dem ihnen die grundsätzlichen Ansätze digitalen Lehrens mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen vorgestellt werden, dazu zählen u.a. Lehrplattformen, Lehrfilme, Whiteboard, spezifische Lehrangebote, Video-Konferenz, Präsentationen etc.. Das kann je nach Ressourcenverfügbarkeit mit internen Kräften oder externer Unterstützung erfolgen.

Auf diesen beiden Schritten aufbauend sollte dann in den Fachschaften ein laufender Informations- und Erfahrungsaustausch mit folgenden Schwerpunkten etabliert werden:

  • Erfahrungsaustausch zu bereits genutzten Anwendungen, Diskussion von Optimierungsmöglichkeiten
  • Tipps zu neuen Angeboten, möglichst ebenso verbunden mit einer Darstellung von Erfahrungen mit deren Nutzung
  • Erarbeitung von Anforderungen an digitale Angebote von Schulbuchverlagen, inklusive der dazugehörenden Lizensierung
  • Arbeitsteilige Erarbeitung, Austausch und Verbesserung von Unterrichtsmaterialien, Unterrichtsreihen und – wo möglich – Kurse in Lehrplattformen wie Mebis, moddle
  • Empfehlung von Schulungsangeboten und Koordination einer arbeitsteiligen Wahrnehmung von Schulungen mit anschließendem Teilen der gewonnenen (Er)kenntnisse
  • Abstimmung zur Eignung externer Angebote von Unterrichtsmaterial, Lehrfilmen, sonstigen Quellen
  • Schaffung einer Rahmenstruktur für digital unterstütztem Unterricht im betreffenden Fach an der jeweiligen Schule, auch im Austausch mit den anderen Fachschaften. Wer sich wundert, dass ich die Rahmenstruktur als Letztes nenne: Solange die Fachschaftsgruppen noch keine ausreichende Erfahrung zu den og. Themen gesammelt haben, macht es keinen Sinn, Grundlegendes festzulegen.

Dieser Austausch muss gar nicht einmal in Form von Besprechungen erfolgen, empfehlenswert sind vor allem digitale Optionen wie Foren, Cloudspeicher, Mail/Messenger-Systeme etc.. Und auch Besprechungen können oft schneller und unkomplizierter in Form von Videokonferenzen erfolgen.

Empfehlenswert ist – in geeigneter Form – ein Austausch zwischen den Fachschaften der Schulen. Auch dazu bieten sich elektronische Lösungen an, die ggf. in angemessenen Intervallen durch Präsenz-Meetings ergänzt werden.

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

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