Digitalisierung in der Schule braucht nicht nur Geld, sondern vor allem Konzepte

Digitalisierung der Schulen ist ein vielzitiertes und vielbeachtetes Thema. Große Geldbeträge sollen in den Bildungsbereich investiert werden, nach 5 Millionen Euro aus dem Digitalpakt von Bund und Ländern aus 2019 in diesem Jahr noch einmal 500 Millionen in die Hardware-Ausstattung der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler.

Wer nun einen großen Digitalisierungsschub in den Schulen erwartet hat, wurde vielerorts enttäuscht. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, sieht man bislang wenig Erfolge. Kaum verwunderlich, denn laut Auskunft des Bundesbildungsministeriums sind bis zum 30. Juni 2020 erst knapp 16 Millionen ausgezahlt worden: 0,3%.

Als eine wesentliche Ursache der schwachen Mittelausschöpfung wird gesehen, dass die Schulen zunächst ein Digitalkonzept benötigen, bevor sie einen Antrag auf Förderung stellen können. Inhaltlich ist diese Bedingung absolut nachvollziehbar, schließlich erwartet der Steuerzahler, dass solche großen Ausgaben auch inhaltlich sauber begründet sind. Damit sind viele Schulen aber schlichtweg überfordert, weil sie mit den vorhandenen Ressourcen solche Konzepte oft nicht erstellen können. Überdies ist es zweifelhaft, dass individuelle Konzepte jeder einzelnen Schule letztlich zu einem verbesserten Bildungssystem führen. Die digitale Herausforderung macht so das Dilemma der deutschen Bildungspolitik überdeutlich:

  • Anforderungen durch Digitalisierung wurden kaum verstanden: es wird Geld bereitgestellt, aber die inhaltliche Basisarbeit fehlt weitgehend
  • die Organisation des Schulwesens offenbart Strukturschwächen: wenn Aufgaben an Schulen delegiert werden, denen die erforderlichen Kenntnisse und Ressourcen fehlen, ist der Erfolg eher zweifelhaft

Um substantielle Fortschritte und nachhaltigen Erfolg zu erzielen, sind übergreifende Konzepte und Strukturen gefragt. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen fehlt hier aber die Initiative. Und selbst, wo sie gegeben ist, bleiben solche Leuchtturmprojekte für die Qualität der Schulausbildung wenig bedeutsam. Ein flächendeckendes und vor allem strukturiertes Vorgehen ist unverzichtbar.

Die Nutzung digitaler Medien im Unterricht bereitet unverändert große Probleme. Es gibt wenig zentrale Vorgaben, und so konnte man während der Corona-bedingten Schulschließungen beobachten, dass es entsprechend wenig Einheitlichkeit beim Fernunterricht gab. Eltern mussten sich damit herumschlagen, dass die meisten Lehrkräfte ihre eigene Methode nutzten. Manche verschickten Arbeitsblätter per Email oder Post, andere nutzten eine große Bandbreite von Lehrfilmen und Web-Übungsanwendungen, einige übertrugen Unterricht über Videokonferenzen, nutzten Whiteboards … Wo Lehrplattformen zur Verfügung standen (moodle oder in Bayern: Mebis) wurde meist deutlich strukturierter gearbeitet, aber auch hier gab es – u.a. bedingt durch den damals unvermeidlichen unterschiedlichen Ausbildungsstand der Lehrkräfte – durchaus unterschiedliche Vorgehensweisen.

Für die zurückliegende Zeit ist denjenigen Lehrkräften natürlich kein Vorwurf zu machen, die ohne Vorbereitungszeit und entsprechende Erfahrungen oft mit großem Engagement versucht haben, kurzfristig Lösungen zu finden. Überhaupt sehe ich die geforderte Initiative weniger bei den einzelnen Lehrer*innen, auch nur begrenzt bei einzelnen Schulen: Wir brauchen überregionale Konzepte, um eine fundierte und verlässliche Basis zu schaffen, in dem vor Ort praktikable Lösungen entwickelt werden können.

Leider wird im Moment bundesweit stattdessen vorwiegend über die Frage diskutiert, ob und wo Masken zu tragen sind, und wie ggf. Quarantänen entschieden und gestaltet werden müssen. Entscheidend für die Bildung unserer Kinder ist aber vielmehr, dass aus den Erfahrungen des letzten halben Jahres gelernt wird, und diese in neue, für die Praxis relevante Konzepte umgesetzt werden.

Mit jeder Woche, die seit dem Ende des Online-Unterrichts vergeht, droht zunehmend die unwiederbringliche Möglichkeit vertan zu werden, unser Bildungssystem schnell und nachhaltig zu verbessern.

Veröffentlicht von diggitall

Hochschul-Gastdozent für "Sales & eCommerce" und Aviation-Themen Unternehmensberater

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